Bonus-Saison: Arme Frankfurter Investmentbanker Würstchen?

Die FTD gewährt Einblicke* in die seltsame von der “normalen” Realität weit entfernten Welt der Investmentbanker in Frankfurt am Main im Vergleich zu New York und London und putzt die “Frankfurter Würstchen” mal so richtig runter.

“Auf der angesagtesten After-Work-Party der Woche im angesagtesten Klub des wichtigten kontinental-europäischen Finanzplatzes. Mitten in der Bonussaison. Mitten in der Stadt, die sich so gern mit New York und London vergleicht. Aus der City werden seit Wochen Paryexzesse übermütiger Banker gemeldet. Letzte Woche musste der Londoner Club Movida nach der Champagnerdusche eines bekoksten Hedge-Fonds-Managers komplett neu dekorieren, während sich die überglückliche Kellnerin überlegte, wie sie ihr Trinkgeld - zehn Prozent der Champagnerrechnung, 4000 Pfund - investieren sollte.

Also, hinein ins Frankfurter Nachtleben, ins “Euro Deli”, in die Stammkneipe der Nachwuchsbanker. “Die Garderobe habe ich mir gespart”, erklärt ein junger Aktienanalyst über wässrigem Apfelwein. Kostet schließlich 1 Euro. Für den Rest des Abends balanciert er seinen Mantel auf dem Arm, was nichts macht, weil der Höhepunkt der Ausgelassenheit mit leichtem Kniekehlenwippen erreicht ist. Und weil der analyst sowieso bald heim muss: “Will morgen um sieben Uhr im Büros sein.” Er guckt noch ein bisschen Bloomberg TV auf den Bildschirmen und ein bisschen Gogo-Girls auf der Theke (”Tanzen können die auch nicht”), dann geht er. Schon um elf sind die Empfangsdamen klar in der Überzahl.”

Ob es erstrebenswert ist, bekokste Investmentbanker in Frankfurt Bars und Clubs zerlegen zu lassen? Dass die Banker in Frankfurt Abends recht zeitig gehen und den nächsten Tag wieder früh auf Arbeit sind, kann ich bestätigen. Was mir etwas unbekannt vorkommt, ist dass das Euro Deli Empfangsdamen hat (ist auch etwas her, vielleicht gibt es da jetzt welche). Ebenfalls waren die Gogo-Girls doch eher Striperinnen (hat sich vielleicht auch geändert).

Interessant ist dagegen, dass die FTD mal so richtig über diejenigen herzieht, die einen großen Teil der FTD-Ausgabe jeden Tag lesen. Bezahlt wird das aber sowieso von den Arbeitgebern - den Banken und Investmenthäusern. Da wird mal richtig angefeuert, das Geld der Anleger und Kleinaktionäre in Koks, Champagner und Luxusautos zu investieren - nachdem man es vorher in harten Rivalitäten vom Arbeitgeber abgepresst hat.

Jetzt nach dem Ende der Börsenkrise, erhalten die Investmentbanker in New York und London wieder große Bonuszahlungen, die sie davon abhalten sollen zu kündigen und den Arbeitgeber zu wechseln. Die FTD nennt eine Schätzung der Personalberatung Spencer Stuart, wonach Frankfurter Investmentbanker bis zu 40 Prozent weniger Bonus erhalten, als die Londoner Investmentbanker.

Viele warten aber nur die Bonuszahlungen ab und wechseln begünstigt durch den anziehenden Arbeitsmarkt den Arbeitgeber. Dazu sind offensichtlich viele Frankfurter Investmentbanker der FTD zu bequem, bzw. möchten ihr kuscheliges Heim nicht verlassen:

“Will man nicht von Minderwertigkeitskomplexen der Frankfurter gegenüber den Londonern sprechen, so ist es wenigstens Ehrfurcht, die sie empfinden: “Die City-Jungs sind schon krass drauf”, sagt ein Analyst der Deutschen Bank, “da drüben kann man zwar mehr Geld verdienen - aber es ist verdammt viel härter.” Ihm, der nicht einmal ins “Euro Deli” geht, weil er eher auf “gutbürgerlich” steht, ist der Leistungsdruck in London zu hoch. Denn anders als in Deutschland gibt es dort kein Arbeitsrecht, das vor fristloser Kündigung schützt.”

Die Flucht vor dem Leistungsdruck kann man übrigens auch in Frankfurt noch steigern. Als ich mit Fondsmanagern von der Deka - der Sparkassen-Fondsgesellschaft - gesprochen hatte, wurde als Grund die Deka als Arbeitgeber zu wählen angegeben: weniger Leistungsdruck und kürzere Arbeitszeiten. Das man bei der Deka auch weniger verdient, haben diejenigen gern in Kauf genommen, es war immer noch mehr als genug.

Und so wird es auch nächstes Jahr wieder heisen: “… bleibt es so ruhig in Frankfurt, dass nicht einmal der örtliche Ferrari-Händler mitbekommen hat, dass Zahltag ist: “Bitte, was für eine Saison soll das sein? Wer bekommt Geld?” Aus Manhatten wird derweil gemeldet, der teuerste Lamborghini sei komplett ausverkauft.”

Wir reden dabei in Frankfurt immer noch von Gehältern und Boni, das ein Investmentbanker in der Kantine der Deutschen Bank zur FTD meint:”Die wissen, was sie mir schulden.” 20 bis 30 Prozent höher sollte sein Bonus dieses Jahr ausfallen. “Ich werde mehr verdienen als mancher Vorstandsvorsitzender”, schätzt er. Bis zu 150000 Euro wird er in cash bekommen, den Rest in Aktien.” (150000 Euro und die Aktien als Bonus wohlgemerkt, zusätzlich zum Gehalt.)

Was habe ich sonst noch gelernt? Die Financial Times Deutschland bringt gut recherchierte und geschriebene Artikel, die allerdings manchmal etwas arg vom angelsächsischen Denken geprägt sind. Liebe Frankfurter Investmentbanker, ganz viel Kohle genügt auch. Von ganz, ganz viel Kohle kauft man sich nur ungesunde Sachen, die das Leben verkürzen und nicht glücklich machen. Und Marketing-Tipps vom Bettler sind wohl noch nicht nötig.

P.S.: Gutbürgerlich geht es in Frankfurt vor allem in zwei urtypischen Kneipen “Zum gemalten Haus” und “Adolf Wagner” zu, die beide in Frankfurt-Sachsenhausen auf der Schweizer Straße zu finden sind. Dort sitzt man an langen Tischen und Bänken mit oftmals - wenn man selbst nicht in Manschaftsstärke anrückt - vielen anderen zusammen. Dort kann man schon mal mit einem Immobilienmanager der Dresdner Bank, Mangern von internationalen englisch-französisch-deutschen Konzernen, ebenso wie mit Einwohnern von Sachsenhausen, die schon ihr Leben lang dort wohnen sprechen. Ich finde das interessanter und angenehmer als Streaptease-Tänzerinnen-Gucken.

(Den wässrige Apfelwein bestellt man übrigens als sauer gespritzter - gibt es auch als süß gespritzter mit Orangen-Limoade drin.)

* Financial Times Deutschland: “Frankfurter Würstchen”, 24. Januar 2006, Seite 29.

Abgelegt unter: Erlebt, Gelesen, Verdienen     24. January 2006 17:38

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2 Kommentare

  • Basic Thinking Blog &raqu&hellip  |  24. January 2006 21:49

    [...] New Economy 2? Lotto? Äh… die Scheichs haben Urlaub? Nö, viel besser…. unbedingt den Bericht bei André/Finanso.de lesen: Bonus-Saison: Arme Frankfurter Investmentbanker Würstchen? [...]

  • Gehaltsentwicklungen im I&hellip  |  20. September 2007 14:08

    [...] Ein zweiter sehr interessanter Berufszweig des Gehaltsreportes war der der Investmentbanker. Hier gehen laut Aussage der Wirtschaftswoche die Einstiegsgehälter bei 65.000 Euro los und können sich bereits in den ersten Berufsjahren mehr als verdoppeln. Das liegt nicht zuletzt am hohen Anteil leistungsabhängiger Vergütungen, die im Bereich der Vermögensberatung, Vermögensverwaltung und des Investmentbanking schnell 50 Prozent oder mehr betragen kann. Wie weit Investmentbanker hinsichtlich ihres Lebensstiles und ihrer leistungsabhängigen Bezüge dabei vom Rest der Welt entfernt sind, ist auf amüsante Art in folgendem Artikel nachzulesen: „Bonus-Saison: Arme Frankfurter Investmentbanker Würstchen?“. [...]

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