Galore, gekaufte Artikel und der Produktionskostenzuschuss
In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichten Till Haase und Harald Staun über gekaufte / bezahlte redaktionelle Artikel bei Galore und anderen Musik- und Kulturmagazinen.
Im konkreten Fall geht es um Produktempfehlungen zu Weihnachten: Bücher, CDs und DVDs.
Das Interviewmagazin Galore plant eine Sonderveröffentlichung “Highlights 2007″ für Dezember mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren, die Galore und dem Gratisableger “public” beteiligen sollen.
“Aber auch auf den geplanten 128 Seiten ließen sich, so die offizielle Begründung, nicht all die 100 CDs, 100 DVDs und 70 bis 80 Bücher und Hörbücher unterbringen, welche die Redaktion ausgewählt hatte. So kam es wohl, dass die Anzeigenabteilung des Verlags “Dialog GmbH” bei der weiteren Einschränkung der Titel half, …”
Die Produzenten der Bücher, CDs und DVDs wurden um finanzielle Mithilfe gebeten. Auszug aus einer Email an den Verlag Rogner & Bernhard: “Um die grundsätzliche Finanzierung für den Beileger zu stemmen, müssen wir nun die ein oder andere Entscheidung, ob ein Buch/Hörbuch in die Highlights reinkommt oder nicht, von einem kleinen Produktionskostenzuschuss abhängig machen. Dieser Produktionskostenzuschuss pro Produktseite beträgt 400,- Euro fix.”
Die FAZ dazu: “Der altruistisch anmutende Begriff “Produktionskostenzuschuss” ist ein nicht ganz unüblicher Euphemismus für eine Praxis, die man etwas direkter auch “Artikelkauf” nennen könnte. Vor allem in der Musikbranche sind solche Vereinbarungen an der Tagesordnung.”
Das Prinzip wäre dabei zumeist das folgende: Eine Auswahl von redaktionellen Themen wird vorausgewählt, “… aber nur wer zahlt, schafft es auch auf den Titel.”
“Rechtlich ist diese Praxis sicher problematisch, aber auch nicht viel mehr: Zwar sieht sowohl der Pressekodex des Presserats als auch das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb eine Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten vor, doch meist lässt sich kaum nachweisen, ob letztendlich eine kleine finanzielle Entscheidungshilfe für eine wohlwollende Besprechung oder Plazierung der Produkte sorgt.”
Die Einflussnahme erfolgt nicht nur durch das direkte Kaufen von Artikeln / Produktionskostenzuschuss, sondern auch durch das Bezahlen eines Flugs, eines Essens, ein exklusives Interview. Oder der Umfang der Anzeigen richtet sich nach dem Umfang der Berichterstattung.
“Nur selten aber wird ein Gegengeschäft in einer derart dreisten Offenheit angeboten wie im Beispiel von “Galore”.”
“Auf die erstaunte Frage, ob denn die bezuschussten “Artikel” mit dem Vermerk “Anzeige” gekennzeichnet wären, oder der “Leser an anderer Stelle (erfährt), dass die Tipps der Redaktion nur nach finanzieller Gegenleistung der Verlage zustande kommen”, bekam der Journalist Jakob Augstein, …, eine rührende Antwort, die im Wesentlichen auf das Wörtchen “nein” reduziert werden kann, in ihrer Argumentation aber dennoch Maßstäbe an Hilflosigkeit setzt: …”
Die Preise bei Galore sind da noch richtig billig: Das Gratis-Magazin “Intro” verlangt für eine Sonderveröffentlichung mit dem Namen “Projektor”, worin am Jahresende ausgewählte DVDs, Computerspiele und Produkte aus der Unterhaltungselektronik vorgestellt werden gleich 2200,- Euro pro Seite - “Paketpreise auf Anfrage” - “Alle Texte und Layouts werden vor Drucklegung zur Freigabe vorgelegt”. Allerdings: “Natürlich werden die Texte als Promotion gekennzeichnet …”.
Beim Indie-Magazin “Spex” soll dagegen “nur” die dem Heft beiliegenden CDs durch Zuschüsse mitfinanziert worden sein.
“”Galore”-Herausgeber Lohrmann dagegen bestätigt auf Rückfrage das Angebot, hält es jedoch nicht für “unredlich”. … Warum die fragwürdige Aktion einerseits nicht beabsichtigt, “Geld damit zu verdienen, sondern dem Leser einen Mehrwert zu verschaffen”, andererseits aber “in erster Linie unser Überleben garantiert”, ist eine Argumentation, die nicht einmal logisch überzeugt.”
Mich erinnert das ganze an deutsche Kauf-Blogger aus dem gleichen Kulturkreis wenn diese ihre Kaufblogs und das Brechen ihrer eigenen so heiligen Regeln rechtfertigen.
Dort sind echte, hilfreiche und ehrliche Inhalte verpönt = ohne “Ethos”, gekaufte, manipulierte, mit der Wahrheit an den jeweiligen Brötchenzahler angepasste Artikel oder ganze Blogs aber völlig in Ordnung.
Literatur: Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung: “Ein Bonus mit kleinem Malus” von Till Haase und Harald Staun, 4. November 2007, Seite 33.
Abgelegt unter: Gelernt, Gelesen 9. November 2007 10:45
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:
“Made in Germany” - billige deutsche Arbeitskräfte
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wird zur Bild-Zeitung
Bad Homburg, der Fiskus und die Steuereinnahmen von den Reichen
Kommentare geschlossen.