Ich bin Wagner - Du bist Deutschland

Die taz erinnert an an das “Portrait” von Journalisten-Karikatur “Bild-Kolumnist” Franz Josef Wagner heute um 23.00 Uhr bei zapp / NDR. (Wiederholungen: NDR Fernsehen Do., 7.00 Uhr; 3sat Fr., 15.30 Uhr; EinsExtra Fr., ca. 0.30 Uhr; EinsFestival Sa., 3.30 Uhr.)

Nur leider darf man sich davon nichts erwarten:

“Und tatsächlich reicht es dann doch nicht, den hässlichen alten Mann von Seite 2 so harmlos darzustellen. Denn wenn Leif zum Ende hin nochmals Kollegen befragt, merkt man, wie gleich geschaltet die deutsche Medienlandschaft in Bezug auf den hässlichen alten Mann von Seite 2 ist: von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über Quiz-Show-Ensemble-Mitglied Hellmuth Karasek bis zu Filmproduzent Artur Brauner mag keiner ein ernsthaft schlechtes Wort über ihn sagen.

Mit einem Respekt vor dem Privatleben des hässlichen alten Mannes von Seite 2, den sein Arbeitgeber, die Bild-Zeitung, selbst bei Inzestkindern, Todkranken und Selbstmördern nicht kennt, wird sich ausgeschwiegen über Krankheit und private Exzesse. Auch die beruflichen Fehlschläge bleiben unerwähnt - nichts über die versenkten Burda-Millionen bei der Super-Zeitung, nichts über die ramponierte Bunte, nichts über die angeschlagene B.Z.

Zwei Jahre soll sich Wagner geziert haben, bis er dem Film zustimmte. Mit dem Ergebnis kann er jetzt zufrieden sein.”

Und so liest sich das dann bei zapp:

“Doch nicht nur in seinen Kolumnen pflegt Wagner einen eigenwilligen und gelegentlich dadaistischen Stil. Diese Erfahrung musste auch der Autor Thomas Leif (SWR) machen. “Franz Josef Wagner ist eine cholerische Sphinx, völlig unberechenbar und jemand, der sich die Medien prinzipiell vom Hals hält. Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir das erste Interview aufzeichnen konnten,” resümiert Leif die durchaus anstrengende Arbeit mit einem Protagonisten, “der partout nicht portraitiert werden wollte und Angst vor der Kamera hatte.” Für die Distanz zu den Medien hat Wagner Gründe. Bis heute hat er zehn bis zwanzig Einladungen zu den einschlägigen Talk-Shows “von Christiansen bis Illner” abgelehnt: “Ich habe jedes Mal ‘Nein’ gesagt. Ich glaube, dass das Fernsehen ganz unbarmherzig ist. Das Fernsehen zeigt jedes nicht Perfektsein tödlich genau, jedes Überlegen, nicht schlagfertig zu sein. Das sind negative Dinge, die mir schaden und auch meinen Mythos zerstören würden.”

Der Chefkolumnist des Springer-Verlags gilt als Erfinder des “Romanes auf 15 Zeilen”, den er jeden Tag zwischen 15.30 und 18.00 Uhr in seiner Berliner Wohnung in seinen Laptop tippt. Woher nimmt der frühere Domspatz in Regensburg, Möbelpacker in Paris und Hafenarbeiter in Hamburg die Lust an der Provokation? “Erstens will ich den Leser nicht langweilen, zweitens will ich ihn unterhalten, drittens will ihn zum Nachdenken zwingen, zum Widerspruch. Er soll sich aufregen und mir sagen: … die Scheiße, die er wieder verzapft hat … oder auch: Ich kann ohne diesen Typ nicht leben. Dahin schreibe ich.” 60 Prozent der Leser hassen diesen Stil, 40 Prozent lieben ihn. “Jeden Tag anders, mal 60 so, mal 40 so, das ist schon eine sehr polarisierende Geschichte, die ich da jeden Tag mache,” bilanziert der “konservative Anarchist”.”

Was soll man dazu sagen? taz:

“So gesehen ist es eigentlich nur verständlich, dass SWR-Chefreporter Thomas Leif in seinem halbstündigen Porträt “Ich bin Wagner - Du bist Deutschland” den hässlichen alten Mann von Seite 2 nicht wirklich ernst nimmt. Mit schmierig-schmissiger Boulevard-Komödien-Musik unterlegt, lässt Leif ihn Banales über seinen Espresso, Dümmliches über seine Kirche und Belangloses über seinen Charlottenburger Kiez sagen. Anfangs baut Leif noch zwei kritische Statements von taz-Chefin Bascha Mika und taz-Wahrheits-Chef Michael Ringel ein, doch dann gibt es nur den hässlichen alten Mann von Seite 2 pur.

Und tatsächlich reicht das zunächst, denn der hässliche alte Mann von Seite 2 demontiert sich ganz beiläufig selbst. Wie er vor dem Gebäude des Axel Springer Verlages steht und verzweifelt den Eingang sucht, der schon vor über zwei Jahren verlegt wurde - traurig. Wie er in seinem Stammlokal, der Paris Bar, immer denselben Platz mit bestem Blick auf die Tür einnimmt, damit er auch ja nicht verpasst, wenn seine Traumfrau hereinspaziert, dann aber nur Friseur-Freund Udo Walz eintritt - sehr traurig.”

Diese Art der Wagner-Satire war wohl die einzigst mögliche und / oder gewollte Variante. Ich vermute mal, dass es der Goethe-Bild-Wagner noch nicht mal gemerkt hat.

Also, selber ein vorgefiltertes Bild machen: Heute 23.00 Uhr NDR - zapp.

Abgelegt unter: Intern     19. April 2006 2:46

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