Tamiflu, das liebe Geld und Ansichten zum Patentschutz

Tamiflu, das erste erfolgreich wirksame Medikament zur Behandlung der Grippe erlebt nach Jahren des ruhigen Daseins durch die Vogelgrippe einen ungeahnten Erfolg. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS)* berichtet über Tamiflu, die finanziellen Interessen und amerikanische Ansichten zum Patentschutz.

Tamiflu wurde von der US-Amerikanischen Firma Gilead Sciences “… im amerikanischen Biotech-Wunderland …” erfunden. Zur Produktion von Tamiflu gab Gilead Sciences 1996 eine exklusive Lizenz an Roche.

Nur wurde das Medikament Tamiflu die ganzen Jahre kein richtiger Erfolg. Die FAS dazu: “… jahrelang als Ladenhüter in den Regalen lag …”. Somit verdiente Gilead natürlich auch nicht viel an den Lizenzgebühren.

Deshalb forderte Gilead Sciences im Juni in einem Schreiben die Lizenz von Roche zurück. Die Begründung lautete nach der FAS, dass sich Roche in den ganzen Jahren nicht genug um den kommerziellen Erfolg von Tamiflu gekümmert hätte, und dass Roche nicht effektiv genug produziert, um vor einer Grippe-Pandemie schützen zu können.

Die USA haben entgegen vieler europäischer Länder, die sich rechtzeitig mit Tamiflu bevorrateten, ein Problem: “Zwanzig Millionen Packungen waren eigentlich vorgesehen, doch die amerikanische Regierung versäumte es im Juni zu ordern.”

Die FAS vermutet, dass die USA in Sachen Katastrophenschutz erst durch den Wirbelsturm Katrina aufwachten. “Präsident Busch war nach der Lektüre eines Buches mit dem Titel ‘The Great Influenza’ offenbar beeindruckt. Der Autor John Barry schildert darin, wie bei der Spanischen Grippe 1918 die öffentliche Ordnung wochenlang zusammenbrach. … Am Ende hatte sich die durchschnittliche Lebenserwartung für Amerikas Bürger allein durch die Pandemie um zehn Jahre gesenkt. Weltweit forderte die Seuche mehr Opfer als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen.”

Jetzt kommt für die FAS die Firma Gilead Sciences wieder ins Spiel. Denn Donald Rumsfeld war vor seiner Zeit als Verteidigungsminister zwischen 1998 und 2001 als Vorsitzender im Aufsichtsrat von Gilead Sciences. “Sein Ministerium kaufte schon im Frühjahr Tamiflu für das Militär ein - im Wert von 58 Millionen Dollar. Nur für den Fall der Fälle.”

Die USA schlagen noch einen weiteren Weg ein, um den Tamiflu-Engpass zu beenden. Sie wollen den bis 2016 geltenden Patentschutz für das Tamiflu-Patent mit neuen Gesetzen außer Kraft setzen. Die USA wollen sich eine “Notfall-Herstellungserlaubnis” einräumen. “Einschränkungen des den Amerikanern so heiligen Patentrechts sind … in dem gerade in den amerikanischen Senat eingebrachten Gesetzentwurf künftig … geplant, und zwar für den Fall, daß Gesundheitsminister Michael Leavitt einen bioterroristischen Anschlag vermutet, formal den Beginn einer Pandemie erklärt oder zumindest einen epidemischen Ausbruch. Den Notfall auszurufen dürfte zur Zeit nicht sonderlich schwerfallen.”

Das eigentliche Instrumentarium, das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation WHO, ist für in Not geratene Länder der Dritten Welt mit akuten Notlagen die z.B. durch Aids verursacht werden gedacht. Im TRIPS-Abkommen ist geregelt, dass die Regierungen von durch Epidemien betroffenen Ländern auch ohne Zustimmung der Patentinhaber Zwangslizenzen an Generika-Hersteller geben können. “Dieser Passus sei aber ’sicher nicht ohne weiteres auf die Industriestaaten mit entwickelter Pharmaindustrie anwendbar’ …”.

Roche handelt, damit es nicht zur dieser Beschränkung des Patentschutzes kommt und will seine Rechte und Technologien für die Herstellung von Tamiflu freiwillig anderen Firmen und Ländern zur Verfügung stellen. “Die Entscheidung, welche Unternehmen eine Lizenz erhalten sollten, werde in ‘Kooperation mit der amerikanischen Regierung und anderen Regierungen rund um den Globus’ getroffen.”

Generika-Hersteller gehen davon aus, in ein bis drei Monaten selbst Tamiflu herstellen zu können. Roche meint, dass es mindestens sechs bis acht Monate dauert, um den Wirkstoff von Tamiflu - Oseltamivir-Phosphat - herzustellen.

Fazit:

Auf Grund des drohenden Übergangs der Vogelgrippe auf den Menschen scheint Tamiflu die erste und schnell verfügbare - Impfstoffe können erst nach dem Übergang mit dem dann bestehenden Virus entwickelt werden - Hilfe zu sein. Nur wollte Tamiflu die ganzen Jahre keiner richtig kaufen. Eine durchschnittliche Grippe ist für die meisten an sich gesunden Menschen auch so relativ leicht zu überstehen.

Dadurch sind zu wenig Fertigungskapazitäten vorhanden, die jetzt in den Vogelgrippe-Zeiten gebraucht werden könnten.

Wie geht man damit um? Vor allem da noch nicht absehbar ist, ob es zum Übergang der Vogelgrippe auf den Menschen kommt und ob Tamiflu dann auch wirkt (siehe Deutsches Ärzteblatt: “Vogelgrippe: Erste (Teil)-Resistenz auf Tamiflu”).

Helfen vorhandene Regelungen wie das TRIPS-Abkommen, müssen neue Regelungen wie eine Notfall-Herstellungserlaubnis geschaffen werden, oder wird dadurch der Patentschutz untergraben und somit die nötige Finanzierung und Entwicklung von neuen Medikamenten behindert?

Und werden bis jetzt nicht lohnenswerte Lizenzen zurück gefordert, wenn Sie plötzlich einen großen Geldsegen versprechen? (Handelsblatt: “Tamiflu-Erfolg weckt den Neid der Branche”.)

* Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 42 vom 23. Oktober 2005, Seite 73: “Nichts für den Chemiebaukasten - Das Grippemittel Tamiflu ist schwierig herzustellen und knapp. Jetzt will Amerika sogar das Patentrecht aushebeln.” Volker Stollorz

Abgelegt unter: Gelesen, Rechtliches, Unternehmen     23. October 2005 20:13

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